E-Learning

Eine flexible Form der Weiterbildung

Unsere Gesellschaft entwickelt sich immer mehr in Richtung Wissensgesellschaft. Lebenslanges  Lernen, zahlreiche technische Entwicklungen und unser Wunsch, unsere Zeit flexibel einzuteilen, führen zu einem ständig steigenden E-Learning-Angebot. Darüber habe ich mit der BücherFrau Silke Buttgereit ein Gespräch geführt.

Silke, Du bist als „Die Wegagentin“ schon seit vielen Jahren aktiv im Netz unterwegs. Wie bist Du zum E-Learning gekommen? Warum hast Du Dich entschieden, Deine Seminare als E-Learning-Kurse anzubieten?
Mein erstes E-Learning-Projekt war ein Kurs zum Thema „Online-PR“ 2006, den ich in Kooperation mit dem FrauenComputerZentrumBerlin (www.fczb.de) und dem Cornelsen Verlag angeboten habe. Das war damals noch Blended Learning, weil wir alle der Ansicht waren, dass die Lernplattform eine Einführung braucht und dass es wichtig ist, den persönlichen Kontakt der Teilnehmerinnen zu ermöglichen.
Auch wenn die Plattform damals noch recht holprig war, haben mich die Vorteile des E-Learnings besonders für berufstätige Menschen sofort überzeugt. Ich habe mich dann in die Lernplattform Moodle eingearbeitet und bald angefangen eigene Angebote zu entwickeln.

Was fasziniert Dich am E-Learning?
Kurz: Lernen, wann und wo ich möchte. Die Mischung aus selbst organisiertem Lernen (SOL) und möglichem Feedback. Die Art und Weise, wie auch technikfernere Menschen und Berufsgruppen sich immer wieder schnell und überraschend geschickt einerseits die Plattform aneignen, andererseits auch inhaltlich sehr technisch ausgerichtete Aufgaben-Stellungen bewältigen.

Für welche Formen des E-Learnings und für welche Plattformen hast Du Dich entschieden? Warum?
Ich habe Blended Learning angeboten, reines E-Learning und in den letzten Jahren dann auch Webinare. Am wenigsten haben mich bisher offen gestanden Webinare überzeugt. Und auch Web-basierte Trainings, also interaktive Lektionen ohne e-Trainer und/oder Kontakt zu anderen Lernenden finde ich nur in begrenzten Kontexten sinnvoll. Wenn es z.B. um eine Einführung in eine neue Software-Version geht oder wenn ein Unternehmen die Handhabung eines neuen CDs vermitteln möchte, macht diese Lernform Sinn. Darüber hinaus gilt aber immer: Lernen ist dann am erfolgreichsten, wenn es in einem sozialen Kontext steht. Das gilt übrigens im E-Learning genauso wie beim offline Lernen. Motivation ist der größte Erfolgsfaktor beim Lernen. Und am einfachsten ist es, Menschen in sozialen Kontexten zu motivieren. Da kann ich Konkurrensituationen schaffen, kann die Vorteile von Teamarbeit erproben, kann Erfolge bestätigen, Fragen beantworten, Diskussionen befördern, Interesse stärken. Menschen lieben menschliches und emotionales Feedback.
Sicherlich gibt es hier Unterschiede je nach Lerntyp, Gender, sozialem Background, Alter etc., doch generell sind Lernen im sozialen Kontext und Lernen im Berufsalltag (das meist auch Social Learning ist) die nachhaltigsten Lernformen.
Ich habe mich bald für eine Moodle-Plattform entschieden, weil Moodle Open Source ist, im Bereich des e-Learning gleichzeitig immer schon innovativ war (inzwischen hat sich das ein bisschen geändert). Die Einrichtung von Foren und Chats, von Aufgaben für Gruppen etc., die die Lerninhalte begleiten ist in Moodle explizit möglich. Das lassen andere Lernplattformen oft vermissen. Auch die Feedbackformen in Moodle gefallen mir gut. Moodle ist zwar etwas hölzern, das kann man aber durch Kombinationen mit z.B. Social Media oft gut ausgleichen.
Moodle ist nicht schick, aber sehr funktional, kann sehr viel und ist inzwischen auch für Nicht-Programmiererinnen gut zu verwalten. Preislich ist es natürlich unschlagbar.

Wie wichtig ist neben der Vermittlung der Inhalte der Austausch zwischen den Teilnehmenden? Welche Form bietest Du dafür an?
Ich halte den Austausch zwischen den Teilnehmenden für extrem wichtig. Darüber können die Inhalte diskutiert und in einen größeren Kontext gestellt werden. Die Teilnehmenden können Erfahrungen austauschen und die Praxistauglichkeit des Gelernten diskutieren. Und, ganz wichtig, sie können sich gegenseitig Fragen beantworten. Generell halte ich Learning by Teaching, Lernen durch Lehren für ein sehr Erfolg versprechendes Modell, das vor allem in Foren und Gruppen (tatsächlich nutze ich oft Facebook-Gruppen) gut umgesetzt werden kann. Wer Fragen von anderen verständlich beantworten kann, hat das Gelernte wirklich durchdrungen. Von mir als eTrainerin fordert das manchmal Zurückhaltung…

Ich halte die persönliche Kommunikation beim eLearning für sehr wichtig. Gruppendynamik, das heißt, die Energien, die durch Empathie, Teamwork, Konkurrenz, Gruppenzugehörigkeit freigesetzt werden, sind ganz wichtige Faktoren beim Lernen. E-Learning ist in diesem Kontext nicht perfekt, weil es nur wenige Formen der Kommunikation erlaubt. Um so wichtiger ist es, die vorhandenen Formen von Forum bis Videochat auch einzusetzen.

 

Silke Buttgereit (links) und Gesa Oldekamp im Gespräch über E-Learning ©Heidi Wendelstein

Was ich immer wieder beeindruckend finde, sind die Menschen, meist Frauen, die in Kurse von mir mit einer sehr schüchternen Grundhaltung einsteigen „Technik ist ja echt nicht so mein Ding“, „immer wenn ich mich an komplizierte technische Sachen herantraue, geht es schief“. Dann müssen sie sich mit technischen Dingen beschäftigen, WordPress manuell installieren, ein Newsletter-Tool einrichten, einen Verteiler importieren. Wenn das klappt, explodiert oft ihr Selbstbewusstsein. Genau diese Teilnehmer/innen sind dann auch auf der Lernplattform sehr kommunikativ und hilfsbereit, wenn andere Fragen haben. Lernen, auch E-Learning und vor allem Erfolgserlebnisse im technischen Bereich setzen bei Menschen oft Energien und Motivationsschübe frei, das ist wirklich erstaunlich. Positive Energie durch erfolgreiches Lernen ist ein Faktor, der meiner Meinung nach in den HR noch zu wenig berücksichtigt wird.

Wenn wir jetzt alle E-Learning-Kurse nutzen, gibt es dann in naher Zukunft gar keine Präsenzseminare mehr?
Es ist ein großer Irrtum zu glauben, E-Learning könne andere Formen des Lernen völlig ersetzen. E-Learning ist toll, weil E-Learning, weil Lernen damit zeitlich und örtlich flexibel gestaltet werden kann. E-Learning in allen seinen Formen, Online Vorlesungen, virtuelle Klassenzimmer, einfache Fernlernkurse, MOOCs, Online-Coaching etc. ist oft ökonomisch effizient, ermöglicht eine breite Teilhabe, schafft Bildungszugang für Menschen in der ganzen Welt, die sonst kaum Zugang zu Bildungsinstitutionen hätten. Aber E-Learning ist keine Lösung für alle Probleme. E-Learning hilft nicht bei verkürzter Aufmerksamkeitsspanne, wie sie bei vielen Kindern und Jugendlichen heutzutage anzutreffen ist, E-Learning ist keine passende Antwort auf zunehmenden Stress vieler Jobs, E-Learning kann das Problem nicht lösen, dass länger arbeitende Menschen in unsere überalterten Gesellschaften permanent sich permanent weiterbilden müssen. E-Learning ist eine Lernform, aber kein bildungspolitischer Ansatz.

E-Learning-Kurse sprießen ja wie Pilze aus dem Boden. Woran erkenne ich denn ein gutes bzw. sehr gutes Angebot? Was sind Fragen, die ich mir vor der Wahl eines Seminars stellen sollte?
Das ist wirklich eine sehr breit gefasste Frage. Ein gutes Angebot ist ja immer das, bei dem ich das lerne, was ich lernen möchte. Dafür braucht es bei mir selbst gewisse Voraussetzungen und dafür muss der Anbieter gewisse Anforderungen erfüllen.
Erst einmal muss ich mir klarmachen, was ich genau lernen möchte, was mein Bedarf ist. Dann sollte ich überlegen, ob E-Learning gerade die für mich angemessene Form ist. Und ich sollte mich ein bisschen damit beschäftigen, was für ein Lerntyp ich bin. Wenn ich weiß, dass es mir verdammt schwerfällt, mich abends zu motivieren und zu konzentrieren, ist ein berufsbegleitender E-Learning-Kurs, der genau das von mir fordert, für mich ein schlechtes Angebot. Es passt nicht zu mir.
Wenn ich weiß, dass ich sehr kommunikativ bin und am besten zusammen mit anderen lerne, ist ein Computer- oder Web-based Training, bei dem ich Kapitel für Kapitel abarbeiten muss und in Tests mein Wissen dann beweisen muss, für mich eine schlechte Lösung. Auch wenn das Training einen Preis gewonnen hat.
Abgesehen davon gibt es inzwischen ja durchaus Zertifizierungen für E-Learning-Angebote, die versuchen, eine gewisse Qualität zu attestieren. Zertifizierungen sind aber oft nur für größere Anbieter attraktiv und daher nicht immer aussagekräftig.
Darüber hinaus helfen Schnupper-Angebote, das genaue Curriculum, mit Menschen sprechen, die ein Angebot bereits wahrgenommen haben, konkrete Nachfragen beim Anbieter…

Welche Zielgruppen sind besonders begeistert vom E-Learning?
Unter Vorbehalt, weil ich glaube, das der Begriff E-Learning spezifiziert werden muss:
Menschen, für die die technische Hürde nicht wirklich eine ist, Menschen, die gerne selbstorganisiert arbeiten und lernen, Menschen, die zeitlich sehr flexibel sein müssen.

Für welche Themenbereiche findest Du E-Learning besonders geeignet?
Technische Bereiche. Aber auch Sprachen, Bereiche, wo eine rasche Wissensvermittlung erforderlich ist, z.B. Sicherheitsschulungen etc.

Wo bzw. bei welchen Themen siehst Du im Moment noch die Grenzen?
Bereiche, wo es viel auf zwischenmenschliche Kommunikation ankommt. Aber im Prinzip muss man sich das von Fall zu Fall anschauen. Egal, was man lernt, einige Bereiche und Inhalte lassen sich immer auch per E-Learning vermitteln, bei anderen ist es schwieriger. Daher ist Blended Learning oft eine Lösung.
Soziale Kompetenzen und Softskills – da habe ich noch wenig überzeugende Angebote gesehen.

Könntest Du Dir vorstellen, dass es in diesen Bereichen in den nächsten 10 Jahren -E-Learning-Angebote geben wird?
Im Sinne, wie ich es oben beantwortet habe: ja.

E-Learning ist eine flexible und kostengünstige Chance, betriebliche Weiterbildung in Unternehmen besser zu etablieren und integrieren. Die Digitalisierung sorgt im E-Learning-Bereich für große Veränderungen. Es gibt Tools wie Moodle, mit denen mit relativ einfachen Mitteln E-Learning-Kurse erstellt werden können. Wird der E-Learning-Bereich demnächst von branchenfremden Anbietern bestimmt, die in den Markt dringen?
Zum Teil ist das ja bereits der Fall. Aber was ist das denn – der E-Learning-Bereich? Was Gaming-basierte und technisch aufwendige Angeboten angeht, muss man immer mit Spezialisten zusammen arbeiten, die ggf. von den zu vermittelnden Inhalten keine Ahnung haben.
Die Frage wird ein bisschen sein, wer federführend sein wird. Werden die Anbieter der Inhalte die Technik einkaufen oder werden die Anbieter der Technik die Inhalte einkaufen? Die Tendenz geht in letztere Richtung. Andererseits versuchen Unternehmen wie Haufe oder auch einige Lehrmittel-Verlage, mit eigener Technik an den Markt zu gehen. Ganz ist das noch nicht entschieden.

Wie schätzt Du den Einfluss von Augmented Reality und Virtual Reality auf E-Learning ein?
Augmented und Virtual Reality Angebote im E-Learning werden zunehmen, klar. Das sind ja auch sensationelle Möglichkeiten. Aber es ist einfach so, dass der Oberbegriff E-Learning immer nichtssagender wird, weil irgendwann eine Virtual Reality Maschinenschulung und ein wissenschaftliches Methodentraining, sagen wir, im Bereich Soziologie einfach nichts miteinander gemein haben.

Ein Blick in die Zukunft: Wie schätzt Du den Einsatz von E-Learning im schulischen Bereich ein? Brauchen wir überhaupt noch Lehrer und Schulen, wenn alle Kinder mit E-Learning-Kursen Inhalte lernen? Liegt darin nicht sogar eine große Chance, weil die Fortschritte sich dann nach den Kindern richten und die etwas langsameren sich dann nicht mehr unter Druck gesetzt fühlen, sondern in ihrem eigenen Tempo arbeiten können?
Kinder brauchen nicht E-Learning, Kinder müssen Medienkompetenzen erlernen. Wenn sie die haben, kann in bestimmten Bereichen der Einsatz von E-Learning sinnvoll sein. Aber der emotionale Aspekt des Lernens, der immer ein Beziehungsaspekt ist und der bei Kindern extrem über den Lernerfolg entscheidet, bleibt wichtig. Vielleicht wird er sogar in Zukunft noch wichtiger, weil soziale Kompetenzen in der Kindheit erlernt werden, Versäumnisse sind da später nur ganz schwer aufzuholen. Und dafür braucht es Lehrer, es braucht Augenkontakt, Augenhöhe, man muss zuhören, lernen, Zwischentöne zu hören, man muss verhandeln lernen, Sympathie und Abneigung erfahren, sich raufen, sich wehren, sich vertragen, gemeinsam Aufgaben lösen, die Stulle teilen, den Schokoriegel klauen, dabei erwischt werden. Warum sollten wir all das in digitale Welten verlagern wollen?

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: welches E-Learning-Angebot gefällt Dir selbst am besten?
Angebote mit spielerischen Elementen, klugem Wettbewerb, Teams und viel Raum für eigene Lösungen. Aber das gilt für E-Learning und Präsenz-Lernen…

Silke, ich danke Dir ganz herzlich für Deine Insights in das Thema E-Learning!

Silke Buttgereit – die Webagentin

Silke Buttgereit ist die Webagentin. Seit sie Mitte der 90er Jahre ihre erste Begegnung mit dem Internet hatte, haben sie die kommunikativen und zutiefst demokratischen Möglichkeiten des Web sofort fasziniert.
Sie berät und begleitet Unternehmen und Einzelpersonen beim Aufbau ihrer Online-Reputation, erstellt Konzepte für Internet-Auftritt und Social Media. Und sie ist Trainerin von Seminaren und Workshops, organisiert und konzipiert On- und Offline-Fortbildungen und entwickelt Weiterbildungskonzepte für Unternehmen und Organisationen.
2012 ging sie für ein halbes Jahr nach Taiwan und machte dort eine Ausbildung zur Taiji-Lehrerin. Aber das ist ein ganz anderes Thema.
Im Netz ist Silke Buttgereit zu finden unter www.diewebagentin.de