Anfang und Ende

Anfang

Wer kennt und liebt es nicht – diese Aufbruchstimmung zu Beginn eines neuen Projekts? Pläne werden geschmiedet, personelle und finanzielle Ressourcen bereit gestellt, es herrscht Aufbruchstimmung, die meisten Beteiligten sind voller Energie und eine kleine Feier markiert den offiziellen Beginn von etwas Neuem.

Genauso entscheidend ist es jedoch, den Projektabschluss offiziell zu vollziehen. Und da fängt oft das Problem an. Denn wo am Anfang so viel Begeisterung war, können die Dinge schnell zäh in der Umsetzung werden.

 

Die Prozesse können nicht so schnell wie ursprünglich geplant geändert werden usw. Die Widerstände sind größer als vorher eingeschätzt, die vorhandene Euphorie verflogen und Prioritäten werden neu gesetzt. Für viele Beteiligten ist nicht klar, ob sie nun mit Nachdruck weitermachen oder abwarten oder sich sogar schon mal neuem zuwenden sollen. Wenn ein Projekt nicht erfolgreich abgeschlossen wird, sondern scheitert, wird es meist sang- und klanglos beerdigt. Denn so ist es in unserer Kultur immer noch: Niemand scheitert gern, weil das mit einem Stigma verbunden ist.

Exkurs:

Mit großer Liebe und Freude empfangen wir neue Erdenbürger, schicken Glückwünsche an die stolzen Eltern und Großeltern und überreichen großzügig Geschenke. Das Wunder des Lebens erfreut uns immer wieder – und das ist auch gut so, damit den kleinen Menschen der Start in ihr Leben auch möglichst angenehm gemacht wird.
Warum jedoch verdrängen wir in den allermeisten Fällen das Abschiednehmen und Sterben von Menschen? Das Ende des Lebens wird aus dem Leben ins Abseits gedrängt, in die Anonymität von Krankenhäusern und Altenheimen. Genauso wie Angehörige das Sterben verdrängen tun es die Betroffene selbst auch – und überlassen ihren Nachkommen Papierberge mit ungeklärten Vorgängen. Ist es nicht genauso wichtig, das Leben würdevoll und friedvoll zu beenden – im Kreis von Menschen, die einem nahestehen – wie man es auch freudig und würdevoll beginnt?

Ist es nicht ein für alle Beteiligten ein verantwortungsvoller Umgang, ein Projekt offiziell zu beenden? Sich die Fragen zu stellen, was man aus den Fehlern für die Zukunft und für weitere Projekte lernen kann? Es besteht dann für alle die Klarheit, dass dieser Teil der Aufgabe abgeschlossen ist. Die typischen Gespräche auf dem Gang oder in der Kaffeeküche entfallen, wo hinter vorgehaltener Hand getuschelt wird. Unausgesprochen Beendetes und offene Projektstatus binden Energie, die dann für die nächsten Projekte fehlt. Sie sollen aber mit der gleichen Energie wie die vorherigen beginnen, deren Ausgang aber offiziell immer noch offen ist.

Ein Projekt vom Ende her denken

Es hat mir oft geholfen, mir vor Beginn eines Projekts vorzustellen, wie man sich an dessen (erfolgreichen) Ende fühlt, welches die vermutlich größten Hürden sein werden und wie man sie erfolgreich überwunden hat. Das möchte ich anhand von zwei Beispielen zeigen.

Vor einigen Jahren habe ich im Rahmen eines Seminars mit einer anderen Teilnehmerin ihre Timeline für die nächsten sechs Monate gestaltet. Sie hatte, nachdem sie bereits jahrelang sehr unglücklich mit ihrer beruflichen Position war, beschlossen, zu kündigen. Und sie hatte schon für sich ein Bild, mit welchem Gefühl und welcher Körperhaltung sie das Unternehmen verlassen will. Sie hatte für den Ausstieg auch schon einige Vorbereitungen getroffen; aber bei einem Schritt stockte es noch und sie kam nicht weiter. Gemeinsam haben wir innegehalten und nach einige Rückfragen ein für sie sehr positives und stimmiges Bild für diesen Schritt gefunden. Diese riesige Energie, die sie dann beim gedanklichen Ablauf ihres Projekts entfaltete, war unglaublich. Das Schönste für mich war, innerhalb der nächsten Monate mitzuerleben, wie sie einen Schritt nach dem anderen gegangen ist und alles genauso verlaufen ist, wie wir es vorab gemeinsam erarbeitet haben.

Das zweite Beispiel ist die Standortverlegung des Verlags, in dem ich gearbeitet habe, und die damit verbundene Schließung der bisherigen Niederlassung. Ein kleines Team von ungefähr zehn Mitarbeitern sollte so nicht mehr zusammenarbeiten; es stand ein Kulturwechsel an, der nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch Autoren, Dienstleister und Kunden betreffen würde. Enttäuschung, Angst vor der eigenen Zukunft, Trauer um das, was man mit großer Energie die letzten Jahre aufgebaut hatte, prägten die letzten Monate des gemeinsamen Arbeitens. Ich konnte und wollte

Omega
Ende

nicht akzeptieren, dass so das Bild aussehen sollte, was ich mit in die Zukunft nehmen wollte. So haben wir – nach anfänglicher Skepsis einiger Kollegen – doch ein wunderschönes Abschiedsfest gefeiert: die

Kollegen, Autoren, Geschäftspartner und Dienstleister. Froh und dankbar haben wir auf das zurückschauen können, was war und die Dinge, die uns getragen haben, mit in die Zukunft nehmen können.

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